Um 14:30 Uhr sind die meisten Amerikaner noch bei der Arbeit. In Portugal wird im Sommer vielleicht gerade erst das Mittagessen serviert.
Eine zweite Flasche kommt auf den Tisch. Das Brot wird ausgetauscht. Kleine Schälchen mit Thunfischpastete, Oliven und Olivenöl finden ihren Platz in der Mitte des Tisches neben dem gekühlten Vinho Verde, der in der Hitze schwitzt. Jemand bestellt fast schon gedankenlos eine weitere Platte zum Teilen. Niemand scheint besonders daran interessiert zu sein, zu gehen.
Genau darum geht es zunehmend.
Jahrelang lief das Streben nach Traumreisen auf Hochtouren. Reservierungen wurden Monate im Voraus getätigt. Strandclubs sind eher für Fotos als zum Schwimmen konzipiert. Urlaube wurden mit derselben Intensität geplant, mit der die Menschen angeblich dem Alltag entfliehen wollten. In letzter Zeit scheinen die Menschen jedoch genug zu haben von Reisen, die bis auf die Stunde genau durchgetaktet sind.
Portugal hat davon profitiert, ohne sich besonders anzustrengen.
Ein Großteil des Alltags dreht sich hier nach wie vor darum, einfach zu verweilen. Kaffee wird selten in Pappbechern serviert. Das Mittagessen geht ganz natürlich in den späten Nachmittag über. Das Essen im Freien wird nicht als besonderes Ereignis betrachtet – es ist einfach ein Teil des Lebens während eines Großteils des Jahres. Besucher kommen in der Erwartung des Wetters und der Küste. Was sie jedoch in guter Erinnerung behalten, ist das Tempo.
Lange Mittagessen sind wieder zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Sommers an der Algarve geworden, insbesondere unter jüngeren Europäern und dem internationalen Publikum, das die Region zu seiner Heimat gemacht hat. Der gleiche Wandel ist von den Terrassen Lissabons bis zur Südküste zu beobachten. Das Nachtleben scheint weniger wichtig zu sein als früher. Die Tische füllen sich früh und bleiben stundenlang besetzt. Irgendwann bei der zweiten Karaffe Wein werden die Pläne lockerer.

In Lokalen wie BJ’s, Cabana Sass, Julia’s oder Izzy’s kann sich das Mittagessen leicht bis zum Sonnenuntergang hinziehen, ohne dass jemand auf die Uhr schaut. Im Hintergrund setzt leise Live-Musik ein. Kinder tummeln sich zwischen den Tischen und im Sand. Die Gäste kommen in Strandkleidung und bleiben irgendwie bis zum Abendessen dort.
Die Hitze verändert das Verhalten auf diese Weise. Am Nachmittag scheint niemand besonders daran interessiert zu sein, irgendwohin zu eilen.
In ganz Portugal, von Comporta bis zur Algarve, wirkt die Stimmung weniger gestutzt als noch vor einigen Jahren. Die besten Mittagessen sind oft die einfachsten: gegrillte Dourada, kalter Weißwein, gutes Olivenöl, Brot, das noch warm aus der Bäckerei die Straße hinunter kommt. Nichts passt perfekt zusammen. Nichts sieht unberührt aus.
Die Atmosphäre ist weit entfernt von Mittagessen, die hauptsächlich zum Fotografieren gedacht sind.

Unter all dem spielt sich etwas Tieferes ab, auch wenn niemand am Tisch es so beschreiben würde. Nach Jahren ständiger Benachrichtigungen und überfüllter Terminkalender scheinen sich die Menschen zunehmend zu Erlebnissen hingezogen zu fühlen, die ganz und gar im Hier und Jetzt stattfinden. Mahlzeiten, die sich langsam entfalten. Handys liegen mit dem Display nach unten neben den Sonnenbrillen. Gespräche, die umherwandern, ohne irgendwo Bestimmten ankommen zu müssen.
Portugals Lebensrhythmus unterstützt dies auf natürliche Weise. Viele Restaurants sind nach wie vor darauf ausgelegt, dass Gäste länger bleiben, anstatt die Tische schnell wieder zu besetzen. Mehrgenerationenessen ist nach wie vor nichts Besonderes. Kinder bleiben lange draußen. Niemand scheint besonders beunruhigt darüber, dass aus dem Mittagessen ein Abendessen wird.
Die unvergesslichsten Momente hier sind selten die spektakulären. Meistens ereignen sie sich etwa in der dritten Stunde, wenn sich das Licht leicht verändert und schon eine Weile niemand mehr auf die Uhr geschaut hat. Und niemand will das auch besonders.







Follow us on social media